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Mittwoch, 18. Juli 2012

Ägypten - Ein Reisebericht


Tja, nun bin ich in meinem Jahresurlaub. Ich befinde mich momentan in Ägypten nahe der Grenze zum Sudan. Wir haben eine Nilkreuzfahrt gebucht und sind von Luxor aus bis zum Assuan-Staudamm vorgedrungen. Von hier aus geht es zu Ausflugzielen rund um den Nasser-Stausee, wie z.B. "Abbu Simbel" o.ä.. Da wir sehr viel Glück mit unserem koptischen Reiseführer hatten, konnte ich auch ein wenig über diverse Hintergründe hier im Lande erfahren. Einige Routen wurden durch gemeinsame Absprachen etwas Abseits der üblichen Touristenpfade gewählt, was mir einige sehr schöne Eindrücke verschaffte. Auch einiges über die politische Lage in Ägypten, sowie über die Meinungen einiger Einheimischer konnte ich in Erfahrung bringen. Die hier widergegebenen politischen Meinungen und Informationen entsprechen also der Sichtweise mehrerer Ägypter die ich hier gesprochen habe.

Auf unserem Weg den Nil hinauf haben wir bereits den Karnak- und  Luxortempel aus der Pharaonenzeit besucht. Aus der späteren ptolemäischen Epoche kamen dann noch die Kom-Ombo, Edfu und die Philae-Tempel Anlagen hinzu. Es war einfach nur faszinierend, zumal unser Guide ein studierter Archäologe ist, der z.Zt. an seiner Diplomarbeit schreibt und fließend Hieroglyphen lesen kann! Aber das Wissen über die Reiche der Pharaonen wäre für einen solchen Post zu umfangreich, und so wende ich mich nun anderen Dingen zu... ein paar Bilder enthalte ich Euch dennoch nicht vor...

 

 
Eine besonders schöne Sache war der Besuch eines (ausnahmsweise mal nicht von Händlern und Touristen überlaufenen ) nubischen Dorfes, welches versteckt in den tropenartigen Nilauen lag. Dieser Ausflug stand für alle anderen auf unserem  Schiff, wie auch auf den anderen Kreuzfahrtschiffen nicht zur Verfügung...deshalb waren wir auch heute die einzigen Touris dort.
So erfuhr ich, das der geneigte Nubier sehr abergläubig ist. Aus diesem Grund halten sich viele Nubier Krokodile, welche den "Bösen Blick" (Neid, Missgunst der Mitmenschen) auffressen sollen. Ja Ihr hört richtig...Das Krokodil im Wohnzimmer ersetzt dem Nubier die Hauskatze. Ein  sehr  kleines Exemplar, dieser bis zu 10 Meter langen Tiere durfte ich auch in die Hand nehmen...trotz des zugebundenen Mauls ein sehr eigenartiges Gefühl...Der größte Bewohner des Hauses war mit ca. 2 Metern Länge und einem Alter von 8 Jahren auch ein Nilkrokodil, welches natürlich vor unserer Ankunft weggesperrt wurde...ein Foto durfte ich allerdings machen. Dieser Bewohner muss allerdings bald das Haus verlassen und in den Nasser-See umziehen, da die ägyptische Regierung Krokodile nur bis zu einer bestimmten Größe in nubischen Privathaushalten duldet. Hier ein paar Fotos...

 
 
Man mag in der westlichen Welt ja viel über Lehmhütten lästern, aber wenn man bei einer Hitze von  fast 50 Grad in eine solche kommt, fallen einem sehr schnell die Vorzüge dieses so gescholtenen Materials auf. Lehm isoliert hervorragend...in einer Lehmhütte ist es locker 20 Grad kühler als draußen. Um einen solchen Temperatursturz zu erreichen brächte man in unseren Ziegelstein- oder Betonbauten, den massiven Einsatz von Klimaanlagen. 

Auch auf kaltes Wasser braucht man in der Wüste erstaunlicherweise nicht zu verzichten...auch ohne Strom...!  Wenn man Tonkrüge in bestimmte abgedunkelte Stellen einer Lehmhütte stellt, so erreicht das Wasser unglaubliche 10 Grad. Mit dieser besagten "Kühltechnik" brachten schon die Arbeiter zu Pharaonenzeiten, den von der Sonne aufgeheizten Granit zum bersten. Dazu wurde vorher eine Reihe von Vertiefungen in den Granit geschlagen (vorzugsweise an Schwachstellen) und dann wurden auf den fast 100 Grad heißen Granit 10 Grad kaltes Wasser geschüttet, dieser Vorgang wurde so lange wiederholt bis der Granit auf einer unglaublichen länge barst. So brach man Obelisken von bis zu 40 Metern Gesamtlänge aus dem Fels..Unten seht Ihr Fotos des unvollendeten Obelisken von Assuan...dieser wäre, wenn er den Steinmetzen nicht zerbrochen wäre, mit 43 Metern der längste massive Granitobelisk der Welt gewesen!

 
Wir hatten unsere Reise bei einem sehr kleinen Veranstalter im Internet gebucht und waren in einer Gruppe von fünf Personen (inklusiv Reiseleitung) unterwegs, was uns die Möglichkeit eröffnete  etwas eigensinnigere Wege zu befahren, Sinn und Zweck dieser kleinen Umwege war es etwas vom einfachen Leben im heutigen Ägypten aufzunehmen. Auch hier bekamen wir auf unsere Fragen sehr kompetente Auskünfte. Hier mal ein paar Bilder aus Vororten in die Touristen ehr selten kommen...
 
 
 
 
 
Um in Ägypten normal leben zu können braucht eine Familie ca. 1500 Ägyptische Pfund, was bei einem Wechselkurs von 7,3 einen Monatslohn von umgerechnet 205 Euro bedeutet . Für die Ägypter wird es aber leider immer schwieriger einen solchen Lohn zu erzielen. Ein Familienvater muß oft noch nach der Arbeit Taxi fahren oder andere Hilfsjobs machen welche normalerweise von den Armen besetzt werden. So konkurrieren plötzlich Menschen mit mehreren Jobs, mit Arbeitslosen um immer weniger Arbeit. Verschärfend darauf wirkt sich der schwindende Tourismus und der hohe Analphabetismus im Land aus. Auch Analphabeten fänden in der Tourismusbranche Arbeit z.B. als Händlerhelfer, Zulieferer, Kunsthandwerker, Reinigungskräfte, Kutschenführer und Bootshelfer und vieles mehr.  Aber aufgrund des wackligen Neuanfangs der Demokratie hier bleiben viele Urlauber aus, was sich in einer höheren Kriminalitätsrate und in einem sehr aggressiven Händlerverhalten zeigt. Zugegeben, die Händler hier waren schon immer nervig, aber jetzt scheuen sie oft nicht davor zurück die potentiellen Kunden derart zu bedrängen das man fast schon handgreiflich werden muss um in Ruhe gelassen zu werden ....nicht zuletzt weil sie unter enormen finanziellem Druck stehen. Das alles macht die Lage im Land nicht einfacher, mehr Touristen allerdings schon. Die Menschen hier reißen sich den Arsch auf um uns einen schönen Urlaub zu bereiten. Liebe Urlauber, lasst die Ägypter bitte jetzt nicht in ihrer neuen Demokratie hängen und besucht dieses phantastische Land! 

Auch politisch gibt es in Ägypten noch eine Menge zu erledigen. Der neue Ministerpräsident Mursi befindet sich zwar noch in der 100 tägigen Schonphase, trotzdem wird er von seinem Volk mit Argusaugen beobachtet. In Mursis Konflikt mit dem Verfassungsgericht und dem Militärrat ist nämlich auch das ägyptische Volk tief gespalten. Ein Teil der gemäßigten islamischen Bevölkerung, so wie die Kopten stehen hinter der Auflösung des Parlamentes, da dieses angeblich als Bühne für Radikalprediger, Übergeschnappte und Unfähige dient. (Also fast wie bei uns *grins*) Die religiöse und streng konservative einfache Bevölkerung unterstützt Mursi jedoch in seinem Kampf für das Parlament. Fest steht aber, das die Zusammensetzung des Parlamentes nicht verfassungskonform abgelaufen ist und eine Lösung her muss die allen beteiligten in der jungen Demokratie hier gerecht wird... Mursi hat aber noch viel dringlichere Probleme. Am 15.07.2012 flog Mursi als erster ägyptischer Präsident seit 1995 nach Äthiopien, Ziel der Reise war es den Bau eines Nilstaudammes in Äthiopien auf dem Verhandlungswege zu verhindern. So ein Projekt würde Ägypten gewissermaßen das Wasser abdrehen. Da es in Ägypten fast nie regnet wäre eine Einschränkung des Nilflusses eine mittlere Katastrophe für das Land. Bis jetzt sind aber noch keine Ergebnisse  bezüglich der Äthiopienreise des ägyptischen Präsidenten durchgesickert.

 Leider haben wir auf unserem Schiff nur arabisches Fernsehen und kein Internet was eine Überprüfung der mündlichen Informationen sehr erschwert. Ich hoffe trotzdem ein klein wenig informiert und unterhalten zu haben. Nun geht unsere Fahrt wieder zurück und als Schlusshighlight stehen noch das Tal der Könige und der Hatschepsut- Tempel an, bevor es zum endgültigen entspannen in unser Hotel nach Hurghada geht. Von dort aus kann ich dann wieder in gewohnter Quellensicherheit berichten.

Liebe Grüße

Euer
Micha

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